Das Moratorium, oder: Von der fruchtbaren Schwarzerde zur Agrar-Wüste?

Während einer der langen Busfahrten vorbei an vergoldeten Kirchkuppeln und sogenannten „Babushka-Märkten“ erzählt uns einer der ukrainischen Teilnehmer mehr über die Eigentums- und Besitzverhältnisse von Land in der Ukraine.

Das Land in der Ukraine gehört entweder dem Staat oder den ehemaligen ukrainischen Mitarbeitenden der damaligen Kolchosen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre erfolgte die Auflösung der Kolchosen und das Kolchose-Land wurde unter allen Mitarbeitenden aufgeteilt. Der Rest des Landes ging in Staatseigentum über. Die Landwirte und Landwirtinnen besitzen damit entweder selbst Land, da sie ehemalige Kolchose-Mitglieder sind, oder sie pachten Land entweder vom Staat oder von den ehemaligen Kolchose-Mitgliedern. Landkauf ist bisher offiziell nicht möglich. Landpacht ist nur den Ukrainern und Ukrainerinnen vorenthalten. Mit diesen Bedingungen wird die Investition in Land durch ausländische Unternehmen verhindert. Allerdings existiert auch hier ein Schlupfloch: Große ukrainische Agroholdings mit internationalen Anteilseignern pachten und bewirtschaften einen Großteil des ukrainischen Lands. Somit bestimmen auch die großen Konzerne mit, was auf ukrainischem Land passiert. Weizen, Mais und Sonnenblumen prägen die Landschaft. Agroholdings produzieren auf der fruchtbaren Schwarzerde meist unter Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden für den Export. Auch Bio-Produkte werden exportiert, da sie auf den lokalen Märkten keinen Absatz finden – sei es, da die Kosten für die Bio-Produkte für die Ukrainer und Ukrainerinnen zu hoch sind, oder da es generell in der ukrainischen Bevölkerung ein geringes Bewusstsein für ökologische Lebensmittel gibt.

Die Selbstversorgungs-Quote in der Ukraine ist hoch. In der Ukraine stehen laut Gesetz jedem Bewohner und jeder Bewohnerin 2 Hektar Land zur Bewirtschaftung zu. Außerhalb der Dörfer finden sich ca. 1000 m2 große Ackerstreifen aneinandergereiht, die unterschiedlich bestellt werden. Manchmal sehen wir die Landwirte und Landwirtinnen die Flächen mit Pferden bearbeiten, manchmal auch mit einem kleinen Traktor. Viele Landwirte und Landwirtinnen verfügen über 1 Kuh, die sie zum Weiden an einem ca. 10m langen Strick auf der Wiese anpflocken. Alles, was nicht zur Eigenversorgung benötigt wird, wird auf den lokalen Märkten verkauft.

Im Moment wird das Gesetz (sog. Moratorium), das den Landkauf und -verkauf in der Ukraine verbietet, neu verhandelt, sodass das ukrainische Land bald auf den freien Markt tritt und sowohl von allen Ukrainern und Ukrainerinnen, als auch von ausländischen Investoren gekauft werden kann. Problematisch ist dabei, dass Pächter und Pächterinnen ein Vorkaufsrecht haben, und damit die Agroholdings mit Abschaffung des Gesetzes auch vorrangig die vielen derzeit gepachteten Flächen kaufen können. Damit besteht die Gefahr, dass sich aus der fruchtbaren Schwarzerde der Ukraine zunehmend eine große unfruchtbare Industrie-Wüste entwickelt.

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