Zwangsarbeit – gestern und heute?

In meinem Heimatdorf Brockum gab es zu Zeiten des zweiten Weltkriegs zwei Arbeitslager für Kriegsgefangene. Es war und ist kein Geheimnis, doch gesprochen wurde darüber nie. Auch Überreste sind nicht mehr zu finden. Man hat alles fein säuberlich aufgeräumt, die Geschichte quasi ausradiert – oder es zumindest versucht.
Für mich war das Ganze als Kind und auch als junger Mensch schwer zu greifen und zu verstehen. Der Krieg war in meiner idyllischen Heimat, viele Jahre zuvor. Menschen sind hierher verschleppt und zur Arbeit in der Kultivierung und der Landwirtschaft gezwungen worden. Haben hier gelebt, sind hier gestorben. Wer sie waren? Es bleibt unklar. Die Datenbank der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten zeigt auf, dass in diesen beiden Lagern insgesamt ungefähr 110 Personen untergebracht werden konnten. Zwar in Wohnhäusern, aber doch hinter Stacheldraht. Sicherlich zusammengepfercht, unter menschenunwürdigen Bedingungen. Beim Schreiben dieses Textes denke ich an das Lied von den Moorsoldaten, denn auch mein Heimatdorf grenzt an ein großes Moor. Wie sich die Gefangenen dort wohl gefühlt haben? Woher kamen sie? Waren Ukrainer darunter, waren es Polen oder Russen? Haben sie ihre Heimat je wiedergesehen? Ich weiß es nicht. In einem der Lager, dort, wo die Landarbeiter lebten, waren die Bedingungen wohl etwas besser. Im anderen Lager starben viele, sagte man mir. Vieles kann man nur mutmaßen. Nur wenige, die diesen furchtbaren Krieg erlebt haben, sind noch am Leben.

Im Ghetto und im Lager Jankowska wurden Gefangene mit farbigen Stoffdreiecken gemäß ihrer Herkunft gekennzeichnet. Gelb für die Juden, blau für die Polen…Dieses Blatt, fotografiert am Zaun der Gedenkstätte, wirkte wie ein Fingerzeig der Natur auf etwas, das sich so niemals wiederholen darf.

Der Besuch im Museum “Territory of Terror” und die Begegnung mit Frau Maria haben mich tief beeindruckt. Natürlich setzt man sich in Deutschland mit dem Dritten Reich und dem Krieg auseinander, aber diese sehr eindrückliche Art der Ausstellung ließ mich still werden und innehalten. Das Ende des Krieges ist nun über 70 Jahre her. 70 Jahre, das sind mindestens zwei Generationen. Mindestens zwei Generationen, die in Deutschland frei leben konnten und den Krieg nur aus Erzählungen kennen. Für viele ukrainische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene hingegen brach mit dem Ende des zweiten Weltkriegs nur ein anderes Zeitalter des Terrors an. Wer unter Verdacht der Kollaboration stand, wurde oft ins Gulag verfrachtet, wer wieder “nach Hause” durfte, dem wurde die Aufarbeitung des Erlebten schwierig bis unmöglich gemacht. Über die Zeit in Deutschland zu sprechen war in der Sowjetzeit verboten, aus der Kriegsgeneration wurde eine stille Generation.

Frau Marias Mutter war als Zwangsarbeiterin in Deutschland. Über das Erlebte zu sprechen, war ihr wie allen Zwangsarbeitern verboten. Eine Fortführung des Zwangs – der Zwang zum Schweigen.

Nun, einige Generationen danach, kommen wieder zahlreiche Arbeiter aus der Ukraine und anderen östlichen Staaten nach Deutschland, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Gezwungen nicht von Krieg, aber doch von ihrer wirtschaftlichen Situation. Die Löhne in der Ukraine sind niedrig, in Deutschland lassen sich in kurzer Zeit vielfach höhere Summen verdienen. Aber zu welchem Preis? Längst nicht jeder Arbeitgeber hält sich an gesetzliche Vorgaben. Der Begriff “Mindestlohn” scheint für manchen ein Ansporn zur Kreativität bei der Umgehung zu sein. Regelungen zur Arbeitszeit werden nicht eingehalten, Überstunden nicht bezahlt. Immer wieder gibt es Berichte über schäbige Unterkünfte, für die den Arbeitern Mondsummen berechnet werden. Moderne Zwangsarbeit?
Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Betriebe, in der die Arbeiter aus dem Osten willkommene, dringend benötigte Hilfe sind und fair behandelt werden. Unabhängig davon bedeutet die Arbeitsmigration, dass Familien auseinandergerissen werden. Um Geld für eine bessere Zukunft zu verdienen, lassen Eltern ihre Kinder im Heimatland zurück und arbeiten fernab der Heimat in Deutschland oder anderen (west-) europäischen Ländern. Bisher stammen viele dieser landwirtschaftlichen Fachkräfte aus Polen und Rumänien, in Zukunft vielleicht vermehrt aus der Ukraine.
Die geplante Neuregelung der Visavergabe an ukrainische Staatsangehörige wird jedenfalls sehnsüchtig erwartet. Zu hoffen ist, dass zukünftig alle Arbeitskräfte fair behandelt und bezahlt werden…

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